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Pflege und Betreuung beginnt nicht erst mit einem Pflegegrad
Waltraud Klein beim Fachtag „Pflege und SeniorINNEN“ in Speyer: Angehörige sind das Fundament unseres Pflegesystems – und pflegen oft unsichtbar, unvorbereitet und rund um die Uhr.
„Pflege und Betreuung beginnt nicht erst mit einem Pflegegrad."
— Waltraud Klein, „wir pflegen in Rheinland-Pfalz e. V."
SPEYER, 12. September 2026. Pflege und Betreuung beginnen nicht erst mit einem Pflegegrad. Darauf machte Waltraud Klein, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands von „wir pflegen in Rheinland-Pfalz e. V.", als Referentin beim Fachtag „Pflege und SeniorINNEN“ aufmerksam. Verschiedene Netzwerke und Organisationen hatten den Fachtag gemeinsam organisiert.
Sprechen wir über Pflege, denken viele aktuell an Pflegereform, an Pflegeheime, Pflegedienste, Pflegekräfte und Pflegekassen. Doch Pflege beginnt dort, wo Menschen leben: in ihrem Zuhause – und damit auch dort, wo Vertrauen, Nähe und persönliche Beziehungen eine besondere Bedeutung haben, in den eigenen vier Wänden. Und dort wird sie überwiegend von Menschen getragen, die dafür keinen Arbeitsvertrag haben, keinen Dienstplan und häufig auch keine pflegerische Ausbildung.
Angehörigenpflege hat keinen Namen und keinen Firmensitz. Sie findet im privaten Raum statt. Hier wird nicht gestempelt. Es gibt keinen Dienstplan. Niemand wird in Schichten eingeteilt. Sie wird nicht automatisch dokumentiert. Und häufig wird sie erst dann sichtbar, wenn sie nicht mehr funktioniert.
Die Familie – der größte Pflegedienst
Die Familie ist das Fundament unseres Pflegesystems – der größte Pflegedienst. Rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Etwa 4,9 Millionen – rund 86 Prozent – werden zu Hause versorgt. Mehr als 3,1 Millionen Menschen werden dabei ausschließlich von Angehörigen versorgt, ohne Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst. Etwa 60 bis 72 Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen.
Auch die Dauer der Pflege steigt. Betrachtet man das Sterbejahr 2022, zeigt sich retrospektiv eine Pflegedauer von etwa 3,8 Jahren. Prospektiv betrachtet kann die Pflegezeit jedoch bei rund 7,5 Jahren liegen. Gleichzeitig werden nur etwa 14 Prozent der Pflegebedürftigen vollstationär versorgt – 2009 waren es noch rund 30 Prozent.
Beeindruckende Zahlen. Aber Zahlen können etwas Entscheidendes nicht abbilden: Sie zeigen nicht, wer einen Menschen beruhigt, wenn er Angst hat, wer morgens aufsteht und Verantwortung übernimmt oder wer den Alltag am Laufen hält. Sie erzählen viel – aber längst nicht alles. Denn hinter jeder Zahl steht ein Mensch und eine persönliche Geschichte.
Niemand plant, pflegender Angehöriger zu werden
Und diese Geschichte beginnt selten mit einer bewussten Entscheidung. Oft beginnt sie ganz unscheinbar: mit einem Anruf, einer Diagnose, einem Unfall, einem Sturz, einem Krankenhausaufenthalt, einer Operation oder dem Moment, in dem plötzlich klar wird, dass sich etwas im Leben verändern wird.
Niemand plant, pflegender Angehöriger zu werden. Du bist es einfach irgendwann. Und plötzlich übernimmt man Verantwortung. Ohne Vorbereitungskurs. Ohne Anleitung. Ohne Trainingseinheiten für den emotionalen Spagat zwischen Pflichtgefühl und Selbstzweifeln, zwischen Fürsorge und Ohnmacht. Es gibt keine praktische Vorbereitung auf den Rollenwechsel und auf die Erkenntnis, dass Liebe und Konflikt gleichzeitig existieren können.
Pflege und Betreuung verändert nicht nur einen Menschen. Sie verändert das gesamte System: Partnerschaften, Familien, Beruf, Freundschaften, Gesundheit und die eigene Zukunft. Unvorbereitet wird aus einem normalen Familienleben Schritt für Schritt ein Leben mit Verantwortung.
Dabei ist Pflege mehr als Waschen, Anziehen und Medikamente. Das ist nur ein Teil. Es bedeutet: betreuen, begleiten, organisieren, beobachten, recherchieren, entscheiden, telefonieren, fahren, beantragen, trösten und aushalten – einfach da sein.
Pflege kennt keinen Feierabend
Dabei hält sich Pflege und Betreuung nicht an Bürozeiten. Sie kennt keinen Feierabend. Sie kennt kein Wochenende. Und sie fragt auch nicht, ob gerade ein wichtiges Meeting stattfindet. Viele Angehörige versuchen deshalb, zwei Leben gleichzeitig zu organisieren: das Berufsleben und das Pflegeleben.
Angehörigenpflege lässt sich nicht einfach auf Arbeitszeiten reduzieren. Sie ist nicht planbar wie ein Dienstplan. Ein Krankenhausaufenthalt, eine Verschlechterung des Gesundheitszustands, ein Sturz oder ein nächtlicher Notfall lassen sich nicht in den Kalender eintragen.
Auf dem Papier gibt es dafür Möglichkeiten. Pflegezeit und Familienpflegezeit sind gesetzliche Instrumente, die unter bestimmten Voraussetzungen zeitweise oder teilweise Freistellungen ermöglichen und damit die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf unterstützen sollen. Doch zwischen einem gesetzlichen Anspruch und einem funktionierenden Alltag liegt eine große Strecke.
Die Schlussfolgerung im Deutschen Alterssurvey (Ehrlich et al. 2024): Die gesetzlichen Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erreichen nur einen Bruchteil der Menschen, an die sie sich richten.
Was Angehörige wirklich brauchen
Wer Angehörige pflegt, braucht deshalb nicht nur gesetzliche Regelungen auf dem Papier. Es braucht Strukturen, die im wirklichen Leben funktionieren. Es braucht Verständnis, Unterstützung, Beratung und Entlastung. Vor allem aber braucht es eine Gesellschaft, die Angehörigenpflege endlich als das wahrnimmt, was sie ist: eine unverzichtbare Leistung, auf der unser Pflegesystem in großem Maß beruht.
Pflege und Betreuung beginnt nicht erst mit dem Pflegegrad. Sie beginnt häufig viel früher. Mit Verantwortung. Mit Sorge. Mit einem Anruf. Mit einer Diagnose. Mit einem Menschen, der plötzlich da sein muss.
Krankheit, Pflege und Betreuung warten nicht auf Zuständigkeiten. Vergesslichkeit, Alzheimer, Demenz und Co. halten sich nicht an Öffnungszeiten. Pflegebedürftigkeit kennt keine Bürozeiten. Und eine Familie, die plötzlich vor einer Krise steht, kann nicht erst lernen, wie unser System funktioniert, bevor sie Hilfe bekommt. Wir haben ein hochkomplexes Versorgungssystem geschaffen. Aber noch lange kein gutes.