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Pflege der Eltern: „Diese Jahre haben mich geprägt“
Waltraud Klein erklärt im Interview, warum sie vom deutschen Gesundheitssystem enttäuscht ist – Sie ist Mitinitiatorin der Quartierspflege MYK
Montag, 23. Juli 2026, Rhein-Zeitung Andernach & Mayen / Interview
Waltraud Klein hat ihre Eltern zehn Jahre lang gepflegt. Es waren, wie die 71-Jährige sagt, die schönsten, anstrengendsten und traurigsten Jahre ihres Lebens.
Von Elvira Bell
■ Mayen. Waltraud Klein setzt sich mit Unterstützung ihres Mannes Dieter ehrenamtlich für pflegebedürftige Menschen und deren An- und Zugehörigen ein. Die 71-Jährige ist von Haus aus Sozialpädagogin. Klein hat im Jahr 2025 den Landesverein „Wir pflegen in Rheinland-Pfalz“ gegründet. Und mit Unterstützung der Landtagsabgeordneten Anette Moesta (CDU) die Quartierspflege, dessen Träger der Kreis Mayen-Koblenz (MYK) ist, im MYK-Land mit auf den Weg gebracht. Zudem obliegt Klein die Geschäftsführung des Vereins Alzheimer Gesellschaft nördliches Rheinland-Pfalz.
Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt Klein, die sich seit 30 Jahren beruflich und ehrenamtlich mit dem Thema Demenz beschäftigt, wie es für sie war, die eigenen Eltern zu pflegen und was sie von der deutschen Gesundheitspolitik hält.
Frau Klein, Sie haben zehn Jahre lang Ihre Eltern gepflegt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Wenn mich heute jemand fragt, wie diese Jahre waren, dann antworte ich: Sie waren die intensivsten, schönsten, anstrengendsten und traurigsten Jahre meines Lebens – oft alles an einem einzigen Tag. Ich war eine pflegende Tochter aus der Entfernung. Das bedeutete, ständig unterwegs zu sein, Fahrten zu organisieren, Telefonate zu führen, Arzttermine zu koordinieren und gleichzeitig immer mit dem Gedanken zu leben: Was ist, wenn jetzt etwas passiert und ich nicht sofort da sein kann?
Dieses Gefühl begleitete mich Tag und Nacht. Man wird Tochter, Kümmerer, Schlichter, Begleiterin, schuldige Koordinatorin, Seelentröster, Krisenmanager und oft auch Vermittler zwischen Ärzten, ambulanten Diensten, Behörden und der Familie. Aber auch diejenige, die schwierige Entscheidungen treffen muss. Das Schwerste dabei war, meine Mama Stück für Stück zu verlieren. Sie war da – und doch entfernte sie sich mit jedem Jahr ein wenig mehr von der Frau, die mich großgezogen hatte. Abschied zu nehmen, obwohl ein Mensch noch lebt, gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen, die ich kenne. Ich musste erleben, wie sich unsere Rollen langsam umkehrten. Aus der Tochter wurde Schritt für Schritt diejenige, die Verantwortung übernahm.
Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Diese Jahre haben mich geprägt. Sie haben mir aber auch gezeigt, wie viele Angehörige täglich Unglaubliches leisten – oft im Verborgenen und häufig über ihre eigenen Grenzen hinaus. Deshalb setze ich mich heute dafür ein, dass pflegende und betreuende Angehörige endlich die Unterstützung und Anerkennung erhalten, die sie verdienen. Und trotzdem gab es viele kostbare Momente: ein Lächeln, eine Umarmung, ein vertrauter Blick oder ein gemeinsames Lachen. Gerade diese Augenblicke haben mir immer wieder gezeigt, warum sich jeder Einsatz gelohnt hat.
Heute weiß ich: Pflege und Betreuung verändert nicht nur den Menschen, der Unterstützung braucht. Sie verändert auch diejenigen, die pflegen und betreuen. Hinter jeder Pflegesituation steht eine Geschichte. Hinter jeder Geschichte stehen Menschen. Und diese Menschen sind keine Einzelfälle. Sie sind Hunderttausende. Sie pflegen, sie organisieren den Alltag rund um Pflege und Betreuung, verzichten auf Freizeit, reduzieren ihre Arbeitszeit, stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück und tragen eine Verantwortung, die unsere Gesellschaft oft als selbstverständlich hinnimmt.
Warum sind Sie von dem, wie Sie sagen, „weltbesten Gesundheitssystem“ enttäuscht?
Enttäuscht hat mich ein System, das darauf baut, dass Angehörige selbstverständlich funktionieren. Man sucht mühsam Informationen zusammen, kämpft sich durch Anträge und unübersichtliche Zuständigkeiten, telefoniert unzähligen Stellen hinterher, formuliert Widersprüche, erlebt, dass Unterstützungsangebote häufig schwer zugänglich oder gar nicht verfügbar sind, und versucht gleichzeitig, den geliebten Menschen gut zu versorgen. Bei alledem hatte ich oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, vertröstet zu werden, alleingelassen zu werden, bewusst nicht verstanden zu werden, im Sumpf von gegensätzlichen Verordnungen unterzugehen.
Was sind Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit?
Ich musste einen Tag vor Heiligabend erleben, was Unterversorgung bedeutet: der ambulanten Dienste, die aufgrund personeller Engpässe die Verordnungen und die haushaltsnahen Dienstleistungen nicht mehr ausführen konnten. Ich habe erlebt, wie der Hausarzt keine Hausbesuche mehr machte und wie der Facharzt keine neuen Patienten mehr annahm und somit die fachärztliche neurologische Betreuung gänzlich ausfiel. All das waren über Jahre hinweg meine alltäglichen Sorgen und Probleme – meine schlaflosen Nächte auf der Suche nach Lösungsansätzen.
Kläglich musste ich erfahren, dass die deutsche Gesundheitspolitik nicht vom Menschen und vom Ansatz der Ganzheitlichkeit her gedacht ist, sondern von den Kosten. Angefangen beim Abrechnungssystem der Ärzte und Pflegedienste über die Fallpauschalregelung im Krankenhaus, die Trennung von Kranken- und Pflegekasse bis hin zur Leistungsbemessung nach Pflegegraden. Ich musste festzustellen, dass im Berliner Politik- und Ministeriumsbetrieb eher großstädtisches Denken vorherrscht. Der ländliche Bereich und dessen Infrastruktur mit den damit verbundenen Problemen wurden nicht real gesehen.
Die Sachverständigenkommission des neunten Altenberichtes weist ebenfalls auf diese ungleichwertigen Lebensverhältnisse hin. So oft habe ich mich gefragt: Wie soll das nur weitergehen? Woher nehme ich noch die Kraft, die Geduld und den Glauben an unser System – ein Pflegesystem, das sich modern gibt, aber auf einer Lüge basiert? Ein Gesundheitssystem darf sich nicht nur daran messen lassen, wie gut es Krankheiten behandelt. Es muss sich auch daran messen lassen, wie es Menschen begleitet, wenn Fürsorge den Alltag bestimmt. Für mich zeigt sich die Menschlichkeit einer Gesellschaft nicht auf der Intensivstation. Sie zeigt sich dort, wo Menschen über Monate oder Jahre füreinander Verantwortung übernehmen. Genau dort sehe ich den größten Handlungsbedarf.
Sie sind der Meinung, dass die Situation für pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen immer prekärer wird. Woran liegt das?
Wir erleben einen tiefgreifenden Wandel, auf den unser Pflege- und Gesundheitssystem nicht ausreichend vorbereitet ist. Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig, gleichzeitig fehlen Fachkräfte und Angehörige geraten zunehmend an ihre Belastungsgrenzen. Ambulante Dienste lehnen Anfragen ab, Pflegeheime können Bewohner mit hohem Betreuungsbedarf teilweise nicht mehr versorgen, Krankenhäuser stehen unter enormem Druck.
Gleichzeitig bricht die häusliche Pflege immer häufiger weg. Familien leben weiter auseinander. Nachbarschaften tragen weniger Verantwortung als früher. Pflege und Betreuung werden für viele Familien zur körperlichen, psychischen, organisatorischen und finanziellen Dauerbelastung.
Dabei mangelt es in Deutschland nicht an Fakten, Forschung oder Modellprojekten zur Lösung der Situation. Unser Problem ist kein Erkenntnisproblem – wir haben ein Umsetzungsproblem. Seit Jahren liegen gute Konzepte vor. Viel zu wenig davon kommt jedoch bei den Menschen an. Wir brauchen endlich einen Perspektivwechsel: mehr Prävention, frühzeitige Beratung, niedrigschwellige Unterstützung und eine konsequente Einbindung pflegender Angehöriger. Pflege und Betreuung sind keine privaten Probleme einzelner Familien. Sie sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das eigentliche Problem ist nicht, dass wir älter werden – das ist ein Erfolg unserer Gesellschaft. Das Problem ist: Wir haben uns auf diese Entwicklung seit Jahren sehenden Auges nicht ausreichend vorbereitet.