Have any questions?
+44 1234 567 890
„Sie haben die unsichtbaren Leistungsträger dieses Landes vergessen“
Am 22. März wählen die Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer einen neuen Landtag. Wir haben die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der Parteien vorgestellt.
Liebe Kandidaten der Landtagswahl, Sie haben bei all Ihrem politischen Engagement ein sehr wichtiges Thema und somit eine große Gruppe Ihrer Wähler vergessen: die pflegenden und betreuenden An- und Zugehörigen – die unsichtbaren Leistungsträger dieses Landes – das Rückgrat unseres Pflegesystems. Sie sprechen von Wirtschaft, Infrastruktur, Gesundheit oder Fachkräftemangel, aber Sie vergessen die Leistung der pflegenden und betreuenden Angehörigen. Ihre Leistung ergibt eine Größenordnung von mehr als 200 Milliarden Euro jährlich in Deutschland. In Rheinland-Pfalz sind mehr als 243.000 Menschen von Betreuung und Pflege betroffen. Davon werden mehr als 206.000, rund 85 Prozent, meist von einer Sorgegemeinschaft von mindestens zwei Personen gepflegt beziehungsweise betreut, teilweise mit ambulanter Unterstützung (20 Prozent). Pflege findet also statistisch gesehen in jedem dritten Haushalt statt – nur nicht in der Politik.
Auf diese „normale“ Situation haben Sie noch keine geeignete Antwort gefunden. Angesichts der alarmierenden Zahlen fordern wir eine strategische Neuausrichtung kommunaler Pflegepolitik. So, wie es ist, kann es nicht weitergehen. Sie gehen von der Grundannahme aus, dass das familienbasierte Pflegesystem – überwiegend von Frauen verrichtet – die stärkste Säule ist und bleiben wird. In Zukunft werden Pflege und Betreuung für jeden Arbeitgeber zu einem Problem. Mit zunehmender Dauer der Pflege- und Betreuungssituation kommt es immer häufiger dazu, dass Erwerbstätige mit Pflege- und Betreuungsverantwortung ihre Arbeitszeit reduzieren oder aus dem Berufsleben ausscheiden. Berufliche Weiterentwicklungen finden nicht statt. Was verstehen Sie unter wirtschaftsfreundlichen Bedingungen und sozialer Gerechtigkeit, wenn Sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in einer Pflege- und Betreuungssituation außer Acht lassen?
Es ist Zeit zum Innehalten und zur Neujustierung. Alle reden über Pflege – kaum jemand über die Pflegenden. Dabei tragen sie die Hauptlast des Pflegesystems. Ihre Rolle erfordert eine stärkere Berücksichtigung in der Ausgestaltung künftiger Pflegepolitik. Rheinland- Pfalz muss jetzt Verantwortung übernehmen, indem es spürbare Entlastungen schafft, soziale Absicherung verbessert und Pflege- und Betreuungsarbeit aufwertet.
Und noch etwas: „Pflege und Betreuung“ hat nichts mit Alter zu tun. Vom ersten bis zum letzten Atemzug können wir pflegebedürftig sein oder werden. In Deutschland leben rund 272.000 pflegebedürftige Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre.
Waltraud und Dieter Klein, Mayen, Wir pflegen Rheinland-Pfalz e.V., Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender und betreuender Angehöriger.