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„Vielleicht hat sich unsere Welt vom Menschen entfernt"
Leserbrief: Pflegebedürftige und Angehörige haben Anspruch auf Informationen und Beratung durch die Pflegekassen. Doch das nutzen nur sehr wenige.
Nach wie vor lösen Begriffe wie Alzheimer, Vergesslichkeit, Demenz und Co. Angst aus. Das ist verständlich. Denn kaum eine Erkrankung trifft uns an einem so empfindlichen Punkt wie unser Denken, unsere Erinnerung und unsere Orientierung – kurz: unser Selbstverständnis. Vielleicht liegt genau darin unser Problem.
Wir leben in einer Gesellschaft, die Leistung bewundert, Selbstständigkeit belohnt und Geschwindigkeit mit Fortschritt gleichsetzt. Alles muss funktionieren, planbar und kontrollierbar sein. Und dann kommt ein Mensch mit Demenz. Er lebt nicht mehr nach unserem Zeitplan, beantwortet Fragen anders und stellt unsere Vorstellung von Normalität infrage. Nicht der Mensch hat sich von unserer Welt entfernt. Vielleicht hat sich unsere Welt vom Menschen entfernt.
Seit Jahrzehnten investieren wir Milliarden Euro in die Forschung. Jeder neue Wirkstoff weckt Hoffnung, jeder Rückschlag Ernüchterung. Natürlich müssen wir weiterforschen. Doch solange wir die Erkrankung nicht heilen können, sollten wir dieselbe Energie in eine andere Frage investieren: Wie gelingt ein gutes Leben mit der Krankheit – für die Betroffenen und ihre Familien?
Wir machen den Fehler, Alzheimer, Vergesslichkeit, Demenz und Co. fast ausschließlich als medizinisches Problem zu betrachten. Das ist sie auch – aber eben nicht nur. Sie ist vor allem eine Beziehungsaufgabe. Der Verlust der Würde entsteht selten durch die Erkrankung selbst. Er entsteht durch die Art und Weise, wie wir den betroffenen Menschen begegnen. Wenn wir nur noch Defizite sehen, verlieren wir den Menschen. Wenn wir nur noch dokumentieren, bewerten und nachweisen, verlieren wir die Begegnung.
Ich wünsche mir deshalb einen Perspektivwechsel. Weniger Defizite. Mehr Mensch. Weniger Pathologisierung. Mehr Beziehung. Weniger Beschäftigungstherapie. Mehr echtes Dasein. Vielleicht sollten wir aufhören zu fragen, wie wir die Erkrankung besiegen können, und stattdessen fragen: Wie wollen wir den Betroffenen begegnen? Denn daran entscheidet sich nicht nur die Qualität unserer Medizin, sondern vor allem die Menschlichkeit unserer Gesellschaft.
Waltraud Klein, Mayen